HOWGH, BIG CHIEF !

Es gibt berühmte Markennamen bei deren Nennung ganze Geschichten vor dem geistigen Auge ablaufen. Klingende Marken, welche allen Bemühungen ihres Managements, sie mit Fehlentscheiden zu Tode zu entwickeln, trotzten und alle Erniedrigungen überlebt haben. Sie haben nach langem Dornröschenschlaf neue Investoren gefunden, die sie wieder zum Leben erweckten. Bei legendären Motorrädern gehören z. B. Triumph, und seit einigen Jahren nun auch INDIAN aus den USA dazu. (Auch Alfa Romeo kann ein Lied davon singen, brachten die letzten 20 Jahre doch leider fast nur fade Fiat-Klone in die Showrooms, um nun aber 2015 – hoffentlich – die lange ersehnte Rinascita erleben zu dürfen. Il cuore sportivo batte ancora !)

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Ich hatte im zarten Alter von 16-17 Jahren, noch mit 50ccm unterwegs, in einem Hinterhof in Küsnacht eine uralte, blutrote aber verlotterte Indian Chief aus den Vierzigern, mit ihrer typischen Tankschaltung, entdeckt, konnte aber den Kaufpreis für die Krücke nicht aufbringen (und wäre damals wohl auch Schrauberisch etwas überfordert gewesen…), doch blieb der Name dieser bereits 1901 gegründeten US-Marke, mit dem charakteristischen Indianerkopf auf den verkleideten Schutzblechen, irgendwo in meinen grauen Zellen haften. Deshalb – und meiner ewigen Liebe zu besonderem Eisen folgend – nahm ich die Einladung des Schweizer Importeurs, Simota GmbH, für diese wiedererweckte Motorrad-Legende nur allzu gerne an. Der Wetterbericht hatte sonniges Wetter und liebliche 26 Grad für den Tag angesagt, sodass eine Fahrt von Adligenswil bei Luzern Richtung Stans und dann über den kaum bekannten, hübschen Ächerli-Pass rüber an den Alpnachersee, und weiter über die dem Namen vollauf gerecht werdende Panorama-Route ins Entlebuch, einen herrlichen Tag versprach. Petrus scheint aber nicht DRS1 zu hören, denn irgendwie hat er das überhaupt nicht mitbekommen, und dunkle Wolken, Regen, rutschige Strassen und a….schglatte Gullideckel empfahlen eine Änderung der Route. Etwas durchnässt, und bei pretty coolen 17 Grad (die Sitzheizung verhinderte Schlimmmeres), erlaubten die Indian Chief Vintage, ihr Krieger und ein auf BMW’s letztem Tourenmodell mitgereister, routinierter Freund, sich erst mal 2-3 Espressi in Hergiswil. Zum Aufwärmen, zum Aufwachen. Indianer kennen keinen Schmerz. Passfahrten mit 360 kgs Stahl, Chrom und Leder, sowie vereinzelten, ganz zwanglos eingestreuten Kuhfladen, schienen nun aber ihren Reiz etwas verloren zu haben, weshalb sich die 1800 ccm des in der Schweiz (!) durch Swissauto entwickelten V2 zurück nach Luzern, Richtung Verkehrsmuseum aufmachten. Ferien und Regen sind aber just das ideale Wetter für den Besuch dieses sehenswerten Technikmuseums, weshalb die ganze Schweiz vor den Kassen versammelt schien. Der donnernde Sound des äusserst passend benannten Thunder Stroke-Motors, ihre traditionellen Ledertaschen mit Fransen à la Billy the Kid, und herrlich glänzendem Chrom allenthalben, lieferten den Besuchern ungewollt ein weiteres äusserst sehenswertes Exponat.

Da die Regenpause Zeit gekostet hatte, machte sich ein Hüngerchen nach veritablen Bison-Steaks oder gegrillter Rattle Snake bemerkbar, welcher in Wilhelm Tell’s unmittelbarer Nähe gestillt wurde (doch leider war die gewählte, etwas weniger karnivore, Salade niçoise nur von diskreter Qualität. Indianer kennen keinen Schmerz.) Vierte und fünfte Espressi liessen nun aber plötzlich die Sonne scheinen, die Luft erwärmen, und die Lust einen richtigen Ausritt nachzuholen kam auf, wozu sich die Strecke von Küssnacht, über Weggis, Vitznau nach Brunnen anbot. Hundert Mal berührt, jedes Mal ist was passiert ! Die Strecke entlang dem See ist absolut traumhaft, und man ist geneigt, Tell’s Heimatliebe voll und ganz zu verstehen. Auf trockenem Geläuf verloren die 360 kgs nun ihren leisen Schrecken, und leichte Schräglagen erlaubten endlich gemütliches und völlig entspanntes Cruisen. Lang-gezogene Kurven und niedrige Tourenzahlen, ein Mörder-Drehmoment, welches etwas von einer durchgebrannten Büffelherde hat, sind dem Indianer-Häuptling praktisch auf die traditionellen Weiswandreifen geschrieben. Aufreissen des Gashahns liefert eine Geräusch-kulisse, welche mich an meine Einsätze im Pazifikkrieg, bei Mindanao, erinnerten; North American Mustang P-51 gegen japanische Mitsubishi Zero-Sen, und neckisch eingestreute Nachzündungen kamen den japanischen Flugabwehr-Kanonen schon sehr nahe (nun, vielleicht habe ich das ja auch bloss geträumt). Dennoch ein passender Vergleich, waren es doch die japanischen Hightech-Motorräder, welche sich Ende der 60er an den amerikanischen Marken für den verlorenen Krieg zu rächen schienen, und das Aus für die Indianer, und haarscharf auch für Harley, bedeuteten.

Swissauto in Burgdorf entwickelte einen optisch zwar dem legendären Motor gleichenden V2 mit 1800 ccm, seitliche Stösselstangen inklusive, welcher nun aber auf aktuellem Stand der Technik steht. Das lässig hingeschmissene Drehmoment von 156 Nm erlaubt nicht nur eine typisch amerikanische Gangart, sondern lässt auch eine lange Lebensdauer des Aggregates erwarten. Das deftige 6–Gang Getriebe schaltet wie einst im Mai, mit einem freundlichen, spürbaren “Clonk”. Die mittig auf dem Tank angerichtete elektronische Anzeige informiert analog über Geschwindigkeit, und digital über den gewählten Gang und die anliegenden Drehzahlen. Die feine Qualität von Komponenten, Chrom, Büffelleder und Finish lassen den Preis von rund CHF 30‘000.00 durchaus rechtfertigen. Für Autobahn-Reisen bietet die Indian sogar Cruise-Control, was sich auf längeren Strecken als bequeme Option erweisen dürfte.

Angesichts des pfundigen Gewichts von 360 kgs, empfehlen sich allerdings – für täglichen Umgang – stramme bayerische Waderln und Schwartzenegger‘sche Oberarme, denn 72 kgs und Storchenbeine empfahlen jeweils sorgfältigstes Studium der Park- und Manövrier-plätze…. Howgh !

INDIAN und ihre Schwestermarke Victory bei:

Simota GmbH, Adligenswil, www.indianmotorcycle.ch